Wer entscheidet den Eurovision Song Contest 2016 für sich?

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Der europäische Liederwettbewerb Eurovision Song Contest findet dieses Jahr in Stockholm, Schweden statt. Der Vorjahressieger Måns Zelmerlöw entschied mit seinem Beitrag „Heroes“ den Wettstreit für sich. Insgesamt konnte er 365 Punkte sammeln, was im Gesamtdurchschnitt nicht schlecht ist, aber auch kein extremer Ausreißer nach oben.

Die Österreicherin Conchita Wurst punktete im Vorjahr aber auch nur mit 290 Zählern. Die deutsche Hoffnungsträgerin Ann Sophie hingegen wurde mit null Punkten ziemlich abgestraft. Das erste Halbfinale findet am 10.05., das zweite am 12.05. statt. Deutschland muss sich diesen Vorentscheiden nicht stellen, sondern tritt direkt am 14.05. im großen Finale an.

Schwierige Nominierung

Nachdem es im Zusammenhang mit der deutschen Nominierung im November 2015 zum Eklat kam, weil der NDR ohne Wettbewerb den Sänger Xavier Naidoo ins Rennen schicken wollte, tritt nun die Nachwuchshoffnung Jamie-Lee Kriewitz statt des zugegebenermaßen erfahrenen und bekannten Musikers für die Bundesrepublik an.

Naidoo stieß auf starken Gegenwind, da seine Kritiker ihm sein politisches Engagement vorgehalten hatten, das ihn in die Nähe zu Pegida und den sehr umstrittenen Reichsbürgern zu rücken schien. Seine Dementi konnten aber schlussendlich nichts mehr an der Entscheidung ändern, wieder wie üblich das deutsche Publikum zwischen Nachwuchskünstlern wählen zu lassen. Die 18jährige Schülerin gewann bereits die fünfte Staffel der Nachwuchs-Show „The Voice of Germany“. Sie fiel nicht nur mit ihren schrägen Outfits im Decora-kei-Stil auf, sondern zeigte mit ihrem Beitragssong „Ghost“ bereits im Vorentscheid ihr stimmliches Talent.

Hat Jamie-Lee echte Chancen?

Trotz dieses großen Interesses des deutschen Publikums werden Jamie-Lee Kriewitz eher wenig Chancen eingeräumt. Laut einiger Buchmacher liegt der deutsche Beitrag abgeschlagen auf Platz 9. Großer Favorit ist Russland, gefolgt von Frankreich, Australien und Schweden. Die Teilnehmer von der anderen Seite der Erde nahmen letztes Jahr zuerst teil, aufgrund der großen Begeisterung der Australier für dieses europäische Show-Spektakel.

Manche Kritiker würden es lieber sehen, wenn die Australier wieder ausgeladen werden, da ein geografischer Bezug nun wirklich nicht mehr vorhanden ist. Trotzdem sind sie auch dieses Jahr wieder dabei, sollte bis Anfang Mai nichts mehr dazwischenkommen.

Der russische Beitrag heißt „You’re the only one“ und wird vom muskulösen Sergej Lazarev vorgetragen, der Schwede Frans nimmt mit „If I were sorry“ teil, aus Frankreich kommt der sympathische Amir vorbei, um „J’ai cherché“ zu singen und einmal um die halbe Welt fliegt Dami Im und sorgt für den „Sound of Silence“. Russland wird mit 3/10 gehandelt, Frankreich steht bei 4/5, Australien bei 7/4 und Schweden bei 5/2.

Die Quoten stehen beim Betsafe wie folgt: Russland 2,5; Frankreich 4,25; Australien 13,00 und Schweden 15,00.

Die deutschen ESC-Siege im Rückblick

Die entscheidende Frage lautet auch dieses Jahr: Hat der deutsche Beitrag eine reelle Chance gegen die zahlreichen Konkurrenz-Titel? Ein Blick auf die bisherigen Gewinnerinnen hilft zwar nicht wirklich bei der Einschätzung der deutschen Chancen, lässt aber ein wenig auf die Umstände und die Aufmerksamkeit in Deutschland schließen: Legendär war der Sieg von Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ im Jahre 1982, der sich zur Hymne einer ganzen Generation entwickelte.

Zwar gewann die Saarbrückerin mit dem von Ralph Siegel komponierten Stück nicht haushoch (161 Punkte), ging aber trotzdem in die Geschichte des Wettbewerbs ein, da Deutschland zum ersten Mal ganz hoch aufs Treppchen steigen konnte. Fast 30 Jahre später gewann die Hannoveranerin Lena Meyer-Landrut mit dem englischsprachigen Song „Satellite“ den Contest. Dieser Sieg entfachte im Jahre 2010 ein ziemliches Comeback des vormals ein wenig als angestaubt wahrgenommenen Wettbewerbs.

Mittlerweile hat sich der ESC einen festen Platz in der deutschen Unterhaltungslandschaft zurückerobert und wird von sehr vielen Menschen unterschiedlichster Interessen und quer durch alle Bevölkerungs- und Altersschichten im Fernsehen live verfolgt.

Wer stimmt für wen und warum?

Wie jedes Jahr auch bewegt die Teilnehmer die Frage, ob sich typischen Verteilungen, wer üblicherweise für wen stimmt und von wem favorisiert wird, auch wieder zeigen. Aus Deutschland kommen traditionsgemäß für türkische Beiträge besonders viele Stimmen, sowohl insgesamt als auch speziell im Finale. Diese Tatsache lässt sich höchstwahrscheinlich auf die vielen türkischstämmigen Fans in Deutschland zurückführen, die üblicherweise sehr engagiert zum Telefon greifen. Interessanterweise erhält Deutschland im Gegenzug eher weniger Stimmen aus der Türkei, hier tut sich aber Spanien besonders hervor.

Die tieferen Gründe lassen sich nicht so einfach erforschen, vielleicht sorgen Dauerschleifen an Mallorcas Stränden für eine gewisse Gewöhnung an die deutschen ESC-Beiträge. In den Finalen fließen die deutschen Punkte an zweiter Stelle nach Großbritannien, insgesamt gefallen deutschen Votern aber schwedische Interpreten am meisten. Vielleicht kann sich Jamie-Lee ja auch auf die dänischen Zuschauer verlassen, die nach den Spaniern das deutsche Punktekonto auffüllen. Anscheinend gibt es wohl doch Zusammenhänge mit den favorisierten Urlaubsländern deutscher Touristen?

Fazit

Gesanglich braucht sich Jamie-Lee vor ihren Mitbewerberinnen und Mitbewerbern nicht zu verstecken, zumal sie ja bereits erfolgreich Deutschlands populärster Nachwuchs-Gesangs-Show gewonnen hat.

Ihre sehr unorthodoxen Outfits mögen vielleicht ein einschränkendes Kriterium sein, wobei sich viele andere Interpreten mit ihrer Kleidung wesentlich extremer vergriffen hatten. Die Wett-Chancen sprechen zwar gegen Jamie-Lee, vielleicht erleben wir aber dieses Jahr eine echte Überraschung!